Ja, ein gutes Stück Wahnsinn ist da sicher mit im Spiel gewesen. 400km. Mit dem Fahrrad. Ohne Schlaf. Okäääiiiii...?
Und dann erwische ich noch einen schwülen Tag mit für die Nacht angekündigten Gewittern. Naja, Ich bin um 16:45 Uhr gut eine Stunde früher gestartet als geplant, um etwas Puffer zu haben. Bis Göttingen lief alles prima, auf 50km hat man hier schon das erste Drittel aller Höhenmeter der Tour unter den Reifen - hinter der nördlichen Stadtgrenze brauten sich die Unwetter rund um mich langsam zusammen.
Die Gewitter haben wetterleuchtenderweise ihren Reigen um mich getanzt während ich den mittleren Teil der Tour durch die Nacht gefahren bin. Das Wetterleuchten begann ca. um 23:00 Uhr und endete erst morgens um 5:30 Uhr. So viele Blitze habe ich in einer Nacht noch nie gesehen. Gut, dass die Gewitterzellen immer ein paar Kilometer von mir entfernt blieben.
Einmal kam mir ein Unwetter so nah, dass ich mir einen Unterschlupf gesucht habe, denn Regenradar und die böige Windsituation ließen mich befürchten, dass es mich hier erwischen sollte. Es zog dann aber doch haarscharf nördlich an mir vorbei und nach dieser ungeplant längeren Pause ging's dann weiter Richtung Hamburg. Bei einer weiteren kleinen Pause hatte ich Besuch von rund einem Dutzend Glühwürmchen. 😃 Das war total süß.
Pünktlich zum Sonnenaufgang ging in der Lüneburger Heide ein fantastisches Vogelkonzert los. In Celle hatten gegen 6 Uhr die ersten Bäcker geöffnet - also war hier Zeit für ein Frühstück mit ordentlich Koffein.
Solche Distanzen teilt man sich am besten in kleine, übersichtliche Etappen ein. Das nächste Teilziel war jetzt die Elbfähre hinter Winsen an der Luhe. Mit einigen PKWs und einem halben Dutzend Radlerinnen und Radlern teilte ich mur die Überfahrt. Das Personal hat auf solchen Verkehrsmitteln immer einen coolen Spruch auf den Lippen. So auch hier. Die Gummibärchen in meiner Hand wurden kurzerhand als zusätzliche Passagiere identifiziert. Immerhin konnte ich den Fährmann mit ein paar von ihnen bestechen. Und - zack! - war ich an Nordufer der Elbe.
In den Wirrungen hanseatischer urbaner Straßenbaustellen handelte ich mir noch einen Plattfuß ein. Die Dichtmilch schaffte es so eben nicht, das Loch allein zu flicken. Ich half mit einem klebrigen Textilstreifen nach und das Tubeless System hielt sein Versprechen einer schnellen und problemlosen Weiterfahrt.
Uber einen hübsch beschatteten Bahntrassenradweg ging's nach Ahrensburg und mein Ziel Schlamersdorf/Travenbrück erreichte ich gegen 17:35 Uhr. Für die ziemlich genau 400km habe ich also knapp 25 Stunden benötigt. Ohne Reifenpanne und Gewitterpause wären 24 Stunden Reisezeit sicher möglich gewesen. Vielleicht beim nächsten Mal. 😁
Reichlich Gegenwind und ein paar Schauer konnten mich heute zwar bremsen aber nicht von dieser schönen Tour abhalten. 2x musste ich mich ca. 15 Minuten unterstellen und ab Göttingen war ordentlich Wind gegen mich. Das Eis in Wilhelmshausen entschädigte und gab Kraft für die letzten 12km und 100 Höhenmeter.
Besonders gefallen hat mir der Radweg im Schwülme-Tal zwischen Bodenfelde und Adelebsen.
Der schöne Bahntrassenradweg zwischen Göttingen und Dransfeld war heute frisch nass und damit schlammig geregnet - das hat der Sauberkeit meines Rades etwas geschadet. Naja, wozu gibt's Mitteldruck-Reiniger zu Hause...
Der Fledermaustunnel an der Diemel bei Deisel ist - wie beschildert - jetzt von April bis Oktober offen. Die automatische Beleuchtung innen funktioniert.
Die Brücke bei Wülmersen über die Holsape ist zwar noch nicht repariert, doch man hat "aus LEGO" eine Alternative mit nur ganz wenig Umbogen um den Biwakplatz und das Gut Wülmersen herum gebaut, auch die Escape-Gamer werden beschildert umgeleitet.
Der Abschied von Luxemburg und seinen Bewohner:innen fiel uns richtig schwer. Das kleine, feine Land war uns in den letzten knapp zwei Wochen sehr ans Herz gewachsen. 🇱🇺♥️ Gerade, sich die abwechslungsreiche Landschaft mit dem Rad zu erschließen, haben wir als außerordentlich schön und entspannend erlebt.
Über die Nordtangente, dem EuroVelo 5 folgend, umrundeten wir von Kleinbettingen kommend halb die Hauptstadt und überquerten die Schlucht der Alzette über die rote Großherzogin-Charlotte-Brücke (siehe Fotos der letzten beiden Tage im Karpfenteich). Es bot sich ein fantastischer Blick auf die Unterstadt, die Alzette, die Kasematten, den schönsten Balkon der Welt und die charakteristischen Gebäude der Altstadt. Der vorbildlich durch den Europa Campus geführte Radweg leitete uns gen Osten aus der Stadt hinaus zurück in's Grüne.
Ein paar kurze, knackige Steigungen und eine schöne lange Abfahrt später standen wir bereits an der Mosel. Kurz vor der Grenze in Wasserbillig erledigten wir in einem Bioladen und bei der Bäckerei Fischer die letzten Einkäufe auf Luxemburgischer Seite (hier ist Fronleichnam kein Feiertag). Mit der Passage der eher unspektakulären Sauer-Mündung in die Mosel kehrten wir nach Deutschland zurück.
Der Kontrast, mit dem Rad in Luxemburg unterwegs zu sein oder in Deutschland, ist krass. Nach der Grenzüberquerung in Wasserbillig machten wir folgende, die Radverkehrsinfrastruktur betreffenden Beobachtungen: Schlechte Oberfläche; schlechte Beschilderung; keine Umleitung bei Baustellen; keine Markierung querender oder ausnahmsweise auf der Fahrbahn verlaufender Radrouten; spontan mit PKW geteilte Radweg-Fahrbahn vor Campingplätzen; in Städten chaotische, lückenhafte, widersprüchliche, irreführende Beschilderung; seltene, unsaubere, an hässlichen Orten stehende Pausenbänke ohne Mülleimer, ... Die Liste ist lang.
Trotz der Widrigkeiten und Dank eines guten Navi fanden wir in Trier schnell unser Hotel für die letzte Nacht. Als wir unser Zimmer betraten, fing es an zu regnen - Punktlandung!